Der Tag, an dem ich mich mit Christian Smekal zum Gespräch verabredet habe, ist ein warmer Frühlingstag. Trotzdem macht es mir nichts aus, den ehemaligen Universitätsrektor drinnen zu treffen, denn die Wohnung, in die er mich hereinbittet, ist eine große Altbauwohnung mit unzähligen Büchern und Gemälden in jedem Raum. Nachdem er mir einen selbstgemachten Holundersaft angeboten hat, setzen wir uns an einen runden Tisch und Christian Smekal beginnt, von seinem Leben zu erzählen.
„Wenn man jung ist, hat man blöde Gedanken“
Nach der Matura im Jahr 1955 begann Smekal „aus der Not“, wie er sagt, ein Jusstudium an der Universität Innsbruck, das er bald wieder abbrechen sollte. „Ich habe mir gesagt: Ich will in die weite Welt, ich will keine Schulbank mehr drücken“, erzählt er. So entstand die Idee, eine Laufbahn als Seemannskapitän einzuschlagen, die er jetzt als „eigenartig“ bezeichnet. Für die dreijährige Ausbildung in Kiel hätte er als Student aus dem Ausland allerdings Gebühren zahlen müssen, für die weder er noch seine Eltern hätten aufkommen können. Stattdessen entschloss er sich für eine Lehre zum Exportkaufmann in Hamburg, kehrte auf Bitte seiner Eltern nach einiger Zeit aber zurück nach Innsbruck und begann erneut zu studieren. Das habe ihm immer noch nicht so recht gefallen, weswegen er auf eine Zeitungsannonce der kanadischen Botschaft reagierte und – von den Verantwortlichen für jung und gesund befunden – kurzerhand nach Kanada auswanderte. Er berichtet: „Weißt du, wenn man jung ist, hat man blöde Gedanken. Ich hab mir gedacht, ich schau mir das einmal an, und in zwei Jahren bin ich dann entweder Millionär oder komme reumütig zurück.“
Nach einem Dreivierteljahr als Gastarbeiter war Christian Smekal „weit weg davon, irgendwo ein Millionär zu werden“, als seine Schwester einen Sohn zur Welt brachte und klar machte, sie werde den Jungen nicht taufen lassen, bis er zurückkomme und die Rolle des Taufpaten übernehme. „Da hat es geschnaggelt bei mir“, meint er. So kehrte er zurück, begann in Innsbruck das Studium der Wirtschaftswissenschaften und machte in kurzer Zeit sein Diplom.
Bart oder Glatze
Die auf das Diplom folgende akademische Laufbahn sei ihm durch „Glück, Fleiß und Neigung“ geebnet worden. 1968 habilitierte er sich, 1970 stieg er zum außerordentlichen, 1972 zum ordentlichen Professor für Finanzwissenschaft auf. Damals habe man noch keine eigene Fakultät gehabt, sondern sei „Anhängsel“ der juridischen Fakultät gewesen. Erst nach der Universitätsreform unter Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg, die das Studieren einer breiteren Masse von Menschen zugänglich machte, sei das Institut so stark angewachsen, dass eine eigene wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät notwendig wurde. Smekal wurde nun zum zweiten Dekan dieser neu entstandenen Fakultät ernannt. Der Spatenstich und die Einweihung des neu erbauten SOWI-Gebäudes fielen dann in seine Amtszeit als Universitätsrektor.
Rektor wurde er 1995 – eine Idee, die ihm nicht selbst gekommen war. Seine Studierenden hätten ihn dazu ermutigt, bei der Wahl gegen den amtierenden Rektor Hans Moser anzutreten. Bei der Podiumsdiskussion habe er den amtierenden Rektor als ähnlichen Typ wie sich selbst und dessen Positionen als ebenso recht vernünftig empfunden, weswegen er am Ende der Diskussion in Bezug auf die physische Erscheinung beider Kandidaten den Ausspruch ans Publikum gerichtet habe: „Entscheiden Sie sich, ob Sie lieber Bart oder Glatze wollen!“
Ausgegangen ist das Ganze sehr knapp: Im ersten Wahlgang habe Moser noch mehr Stimmen gehabt, im zweiten Wahlgang triumphierte Smekal. Wieso wisse er bis heute nicht, eine Vermutung habe er allerdings: „Die Mediziner haben immer gesagt, so lang sitzen, zwei lange Wahlgänge hinter sich bringen, dafür haben sie keine Zeit.“ So gingen diese, die vermutlich mehrheitlich für Hans Moser abgestimmt hatten, nach dem ersten Wahlgang nach Hause und verhalfen Smekal so möglicherweise zum Sieg.
Die Narren bei der Inauguration und der Dalai Lama im Rektorssalon
Die Angelobung zum Universitätsrektor erfolgte am 11.11.1995 um 11 Uhr, also zu Faschingsbeginn. Die traditionsreiche Zeremonie vor namhaftem Publikum wurde dem Datum entsprechend plötzlich von „fünf verkleideten Narren“, die in die Aula hineinliefen, unterbrochen. Bei seiner Rede kommentierte Smekal dies mit „Ich begrüße natürlich die Narren und würde gerne nach der Veranstaltung mit ihnen ein Gespräch führen“. Die Narren hätten sich daraufhin tatsächlich zurückgezogen und nach der Veranstaltung bei der Stiege auf ihn gewartet – besonders viel zu sagen habe man sich allerdings nicht gehabt.
In seiner Funktion als Rektor sei es sein Ziel gewesen, die Universität bekannter zu machen und nach außen zu positionieren. So habe er sich um Kooperation und Austauschprogramme mit anderen Universitäten bemüht – beispielsweise mit Hochschulen in New Orleans, Notre Dame, Thailand und Indonesien – sowie um die Zusammenarbeit der drei Universitäten der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino.
Als sehr eindrucksvoll beschreibt Christian Smekal die Begegnung mit dem Dalai Lama, der während seiner Zeit als Rektor die Universität Innsbruck besuchte. „Ich hab mir gedacht: Um Gottes Willen, was sag ich da?“, lacht er über den Druck, eine dem Anlass gebührende Rede zu halten. Die Rede selbst sei dann aber sehr gut gegangen – eher sei das Ganze ein logistisches Problem gewesen, denn „ganz Innsbruck“ habe kommen wollen. Nach der Veranstaltung hätten sich die beiden in das Rektorszimmer zurückgezogen und darüber ausgetauscht, wie wichtig es sei, dass sich die Universitäten für internationale Kooperation, Friede, Freiheit und Bildung einsetzen.
Auch nach seiner Zeit als Rektor blieb Christian Smekal der Universität Innsbruck treu. Die letzte Vorlesung hielt er 2010 und bis 2018 blieb er Vorsitzender des Universitätsrats. Insgesamt wirkte er genau sechs Jahrzehnte an der Universität Innsbruck.
Diesen Artikel findest du auch in unserer Oktober-Ausgabe 2022.