Studieren unter Fremden

von Tobias Jakober
Lesezeit: 4 min
Was sich nach außen als eine einzig große Institution gibt, ist in Wirklichkeit ein Flickwerk, ein loser Bund einander fremder Menschen.

Obwohl wir alle unter dem Dach unserer Alma Mater, der Leopold-Franzens-Universität, studieren, kennen wir doch nur den kleinsten Teil von ihr. Das große Ganze ist zersplittert und verstreut auf Standorte in der ganzen Stadt. Abgesehen vom eigenen Campus stellen die anderen Universitätsgebäude oft gänzlich unbekanntes Terrain für uns dar. Nicht nur, dass sich unsere Uni auf viele verschiedene Gebäude verteilt – auch die Strecken von einem zum anderen Campus scheinen oft unüberwindbar. Wer einmal von der SoWi zum Campus Technik geradelt ist, spürt die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaft; vor allem auch in den Beinen.

Gleiche Uni – fremde Welten

Wir konzentrieren verwandte Fachrichtungen und trennen, was sich schon fachlich wenig nahe liegt. Die geographische Entfernung entfremdet uns auch auf persönlicher Ebene. Der Technik Campus beispielsweise liegt weit draußen, im äußersten Westen – dort stehen die Studentenheime, WGs und Lokale, in denen sich Innsbrucks Naturwissenschaftler tummeln. Ein Student der Archäologie – mit seinem Institut in der Reichenau – bekommt wahrscheinlich niemals eine Bauingenieurin aus Kranebitten zu Gesicht. Bereits beim Eintritt ins Studentenleben werden wir sortiert, eingeteilt und abgespalten. Wir verbringen die Jahre unseres Studiums in den Blasen unserer Fakultäten. Schon im Studienplan müssen wir uns auf eine Richtung, ein Fach, beschränken– die räumliche Teilung schont uns dann auch noch vor jeglicher Konfrontation mit anderen Disziplinen und Menschen mit vielleicht völlig verschiedenem Weltverständnis.

Ein Spalt durch alle Ebenen

Die Trennung der Standorte und Fakultäten in Innsbruck ist kein zufälliges, einzelnes Phänomen. Es ist Ausdruck einer tiefgehenden Dissoziation der Wissensgesellschaft. In dieser sind nämlich diejenigen erfolgreich, die abgesehen von ihrer eigenen Disziplin alles andere ausblenden können und sich mit ihrem Herz und Verstand ganz und gar einer einzigen Sache verschreiben.
Was mit den unterschiedlichen Freundeskreisen im Studium beginnt, wächst sich später zu einer massiven Kommunikationsunfähigkeit aus. Wenn zwei Vertreter unterschiedlicher Wissenschaftsrichtungen aufeinandertreffen, hapert es mit der Verständigung. In den Disziplinen entwickeln sich eine eigene Sprache und Begriffsdefinitionen, die Außenstehende nicht verstehen. Fachliches Unverständnis führt dann oft auch zur persönlichen Abneigung.
Für Universalisten hat eine Universität keinen Platz. Aber warum kann man nicht Physik und Literaturwissenschaft studieren? Der Schritt zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaft muss kein Spagat sein – auch wenn viele uns davon überzeugen wollen. Es gibt keine Trennlinien zwischen den Fachrichtungen außer denen, die wir selbst ziehen – sei es nun geistig oder räumlich. Allesamt sind es Wissenschaften, und sie fußen auf dem gleichen Fundament der Erkenntnis.

Zu Hause im Elfenbeinturm

Alle Wissenschaften sind gleichzeitig auch Teil der gesamten Gesellschaft. Vordergründig ist uns das meistens klar, wir verhalten uns aber systematisch anders. Wir machen Studentenjobs, gehen auf Unipartys und treffen uns in der Mensa. Wer von außerhalb kommt, hat in Innsbruck nur selten Nicht-Akademiker kennengelernt.
Dabei sind wir mit den Hochschulen im deutschsprachigen Raum noch das mildeste Beispiel beispielloser gesellschaftlicher Entfremdung. An den Eliteuniversitäten in Großbritannien und den USA ist der Zugang zum Studium auch noch finanziell beschränkt. Die horrenden Studiengebühren kann sich kaum jemand aus armem Elternhause leisten. Am Campus von Cambridge, Princeton und Yale finden sich also von vornherein fast nur Kinder wohlhabender Eltern. Das Unigelände dort ist zudem in einem Maß von der Außenwelt abgeschirmt, wie wir es uns in Innsbruck nicht vorstellen können. Alle Wohnheime stehen am Campus, auch die Bars sind für die Studierenden, und als Nebenjob arbeitet man in der Unibibliothek. Man befindet sich in einer Parallelwelt, die keine Verbindung mehr mit dem Rest der Gesellschaft hat – gleichzeitig sind es aber gerade die Absolventen von dort, die später in leitenden Funktionen arbeiten.Bei uns in Innsbruck bauen wir parallel sogar zwei Parallelwelten auf: Unser Horizont endet mit dem 500-Meter-Radius um unsere Fakultäten. Für unsere Bachelorarbeiten führen wir unglaublich repräsentative Befragungen über den Unimail-Verteiler durch. Und nach dem Fortgehen gemeinsam mit den Studienkollegen – vielleicht ist dann und wann auch mal ein Erasmus Studierender dabei –  gehen wir nach Hause in unser Studentenwohnheim, schließen die Tür zu unserer WG oder schlafen ein neben unserer Freundin, die wir bei der Openingparty der ÖH kennengelernt haben.
Wir leben glücklich in unserer Blase, denn wir wissen ganz genau, wer wir sind: Wir sind die Uni  – und niemand sonst.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel “Wer ist die Uni?” erstmals in der Jänner-Ausgabe 2022.

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